14.12.20150

Endloses Thema: Korrekturschleifen

Das Wort Korrekturaufwand schafft es mühelos im Ranking der unbeliebtesten Werbeagentur-Wörter auf den ersten Platz. Es macht also Sinn, sich diesem Thema einmal näher zu widmen. Wer im Auftrag etwas entwirft, entwickelt, erdenkt, formuliert oder gestaltet muss mit Korrekturen rechnen. Das geht auch Auftragskünstlern so, ganz zu Schweigen von Architekten, Produktdesignern, Redenschreibern oder Programmierern. Bei Werbeagenturen verschärft sich das Korrekturproblem häufig zusätzlich durch den Umstand, dass eine “Kunst” (Idee, Design, Layout, Text) sich mit einem Fakt (Thema, Inhalt, Botschaft) beschäftigt – beide Felder sind Korrektur anfällig, um es vorsichtig auszudrücken. Natürlich kann die Agentur etwas falsch verstehen oder notwendige Inhalte fehlerhaft wiedergeben. Das sind fachlich, sachliche Korrekturen, die einzusehen sind, so lange alle über das Gleiche reden und nach der Korrektur das Thema “sitzt”. Bei den vermeintlich interpretierbaren Angelegenheiten der Kreation und Umsetzung wird aus den Korrekturen oft eine Affäre und irgendwann eine Tragödie.

Agenturen brauchen ein dickes Fell. Die meisten haben sich das zugelegt und das Bearbeiten von Korrekturen gehört zum Tagesgeschäft. Es gibt Freigabe-Prozeduren, Lektorate, Checklisten und sogar Preislisten, die den Korrekturaufwand ausdrücklich definieren. Ob eine oder zwei Verbesserungs- und Korrekturstufen im Preis bereits enthalten sind, ist dabei irrelevant. Denn es geht in der Praxis meistens um die zehnte, zwölfte oder zwanzigste Korrektur an ein und derselben Sache. Das ist mehr als fatal! Mit der Digitalisierung hat nicht nur das Tempo zugenommen, sondern auch der Korrekturaufwand. Wo früher Manuskripte (verbindlich!) freigegeben werden mussten, wird heute noch am Tag der Veröffentlichung korrigiert. Online kann man auch mit 80 Prozent Qualität starten und nach weiteren Ergänzungs- und Korrekturphasen dann irgendwann die Fassung 2.0 oder 3.0 im Netz haben. Kein Problem – wenn der Aufwand bezahlt würde.

Die Auslöser von Korrekturen sitzen auf beiden Seiten. Beim Kunden und bei der Agentur. Dabei macht die eine Seite häufig die jeweils andere verantwortlich, so werden Korrekturen mit Schuldzuweisungen garniert. Beim Kunden sind die zahlreichen Hierarchiestufen bis zur Freigabe ein klassischer Korrekturauslöser. Wenn der Inhaber oder der Vorstand nach den Korrekturen durch die Technik, das Marketing, den Vertrieb, die Bereichsleitung und die Unternehmenskommunikation endlich etwas zum geschaffenen Werk sagen darf, dann werden auch hier noch einmal automatisch Änderungswünsche kommen. Frei nach dem Motto: Es gibt immer was zu finden und zu ändern, also tun wir’s! Das kann dann schon mal die fünfte oder sechste Runde sein, die bei der Agentur eingeläutet wird. Die unterschiedliche Interpretation der Aufgaben oder Briefings sind eine Ursache für die “Korrekturitis”. Eine andere die Angst, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Einerseits erlaubt die Technik schnelle Reaktionen und Änderungen, andererseits trauen sich immer weniger sogenannte “Entscheider” auch wirklich zu entscheiden und neigen zur Absicherung durch vielfältige Korrekturstufen, damit auch wirklich jeder “mitgenommen” wurde. Mitgenommen ist am Ende nur die Agentur, die den Korrekturen hinterher hechelt und den Endtermin dennoch halten muss.

Die Agenturen könnten einiges zur Entspannung der Situation tun, wenn Verbindlichkeit und Beharrlichkeit an den Tag gelegt würden. Verbindliche Briefings, klare Aussagen, genaues Nachfragen, geduldiges Bestehen auf belastbare Fakten, konsequentes Rückfragen bei Zweifeln kosten zwar Mühe und Zeit, sparen aber häufig die viel arbeits- und zeitintensiveren Korrekturen hinterher. Wer es nicht so genau wissen will, drauf los entwickelt und hofft den Kunden “im Sturm” zu erobern, leistet nicht nur viel vor, sondern korrigiert noch mehr nach. Das Risiko steigt mit jeder Korrekturstufe und es wird unüberschaubar, wenn die Dokumentation nicht stimmt. War das jetzt eine sogenannte “Autorenkorrektur” oder haben wir das verschuldet? Kann ich das weiter berechnen? Haben wir das nicht schon einmal korrigiert? So oder ähnlich klingen die typischen Fragen bei den Projektmanagern der Agenturen. Viele befinden sich dann bereits im Defizit und arbeiten im Blindflug weiter. Das exakte Erfassen und Anbieten von Korrekturen, die der Kunde auslöst ist bei vielen Agenturen immer noch keine Praxis. Warum? Traut man sich nicht, Mehraufwand abzurechnen? Hat die Agentur die meisten Fehler selbst zu vertreten? Wer sich über den hohen Korrekturaufwand beklagt, andererseits aber diesen Aufwand weder erfasst noch abrechnet, gerät zwangsläufig in die Defensive.

Noch ein Aspekt zum Schluss: Jeder Handwerker verlangt vom Bauherren eine Unterschrift, wenn dieser etwas ändert oder Zusatzleistungen fordert. Das ist selbstverständlicher Arbeitsalltag, niemand käme auf die Idee, einer selbst ausgelösten Änderung die Kostenfreigabe für den Zusatzaufwand zu verweigern. Und kein Maler oder Installateur beginnt seine Arbeit ohne unterschriebenes Angebot – auch bei Korrekturen und Änderungen. Die Werbeagenturen sollten sich daran ein Beispiel nehmen. Es zeugt von mangelndem Selbstvertrauen und vielleicht auch von Abhängigkeit, wenn sich Agenturen nicht trauen, den zusätzlich vom Kunden geforderten Aufwand abzurechnen. Eindeutige Aufgabe, verbindliche Freigabe, präzise Dokumentation und schließlich adäquate Vergütung sind die Schritte, um Änderungen nicht zur Never-Ending-Story werden zu lassen.